Sorgen und Unverständnis über bildungspolitische Setzungen der Landesregierung

Mitteilung an die WAZ am 01.07.2017

Wenn Menschen einen neuen Weg beginnen, wichtige andere Menschen zum ersten Mal treffen, wählen sie in der Regel die ersten Worte, die ersten kleinen Zeichen für den „ersten Eindruck“ mit Sorgfalt und Bedacht. Mindestens unbewusst ist jedem klar: Die Chance auf einen ersten Eindruck gibt es nur einmal. Sollte die neue Landesregierung dieser Grundregel gefolgt sein bei der Ankündigung erster bildungspolitischer Maßnahmen, dann darf man durchaus mit Skepsis und Sorge in die bildungspolitische Zukunft schauen.

Die Situation:
Im ersten Halbjahr 2017 befinden sich ca. 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Deutlich mehr als 1 Mio. dieser Menschen hat Deutschland in den letzten Jahren erreicht. Auf dem Weg sind zahlreiche Flüchtlinge umgekommen, allein ca. 4000 Menschen in jedem der letzten Jahre nur auf dem Weg über das Mittelmeer. Berichte über Vergewaltigungen und Gewalthandlungen auf diesem Weg sind unzählig. Die Kinder, die diese Wege mit den entsprechenden Eindrücken hinter sich haben, müssen und sollten bei uns aufgenommen, betreut, begleitet werden, auch und gerade in Schulen - allein in Herne sind dies mehrere Hundert.
Sie kommen in Schulen, die oft an den Grenzen ihrer räumlichen Kapazitäten sind. In Zeiten des Lehrermangels fehlen an den meisten Schulen Lehrer*nnen, die die immensen Aufgaben übernehmen könnten, so schultern viele der vorhandenen PädagogInnen das, was aus unserer Sicht absolut wirklich unbedingt getan werden muss, oft mit letzter Kraft und an den Grenzen ihrer Belastbarkeit und sicherlich nicht immer so gut, wie es eigentlich unter anderen Bedingungen möglich wäre, teilweise in befristeten Beschäftigungsverhältnissen und ohne jegliche pädagogische Ausbildung.
Zusätzlich werden Kinder mit Förderbedarf ebenfalls entweder von fehlenden Lehrer*innen eben NICHT begleitet, oder dies leisten die Schulen in ebenfalls oft nicht vorhandenen Räumen, mit nicht vorhandenen Förderschulkolleg*innen, in oft übervollen Klassen  und mit oft nicht oder kaum vorhandenen Materialien so gut es eben geht - ZUSÄTZLICH.
Die Kinder in unseren Schulen, die nicht zu den beiden bereits genannten Gruppen zählen, leben zu einem erheblichen Teil in prekären Lebenssituationen, sowohl finanziell, als auch was ihre soziale Lebensrealität angeht, oft haben sie kaum jemanden, der sich kümmert, Sicherheit vermittelt, Normen und Werte vorlebt oder zumindest nahe bringt. Die Zahl der Kinder, die in ihrem Verhalten Auffälligkeiten zeigen, die psychologische Begleitung benötigen, die Zahl der Eltern, die sozialpädagogische Beratung und/oder Begleitung benötigen, steigt seit Jahren sowohl nach wissenschaftlichen Untersuchungen als auch nach Berichten der Kolleg*innen aus den Schulen. In Herne und den Nachbarstätten sind Wartezeiten von über einem Jahr für psychologische oder sozialpädagogische Unterstützungen in Notlagen nach Erfahrungen unserer KollegInnen nicht selten. Dazu lebt im Ruhrgebiet durchschnittlich jedes vierte Kind, in einigen Gebieten jedes dritte Kind unter 15 Jahren von Hartz IV, die Armutsgefährdungsquote für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren liegt im Bezirk Arnsberg bei über 25%. Phänomene wie zum Teil massive (Auto-) Aggressionen, Drogenkarrieren, Ess- oder Schlafstörungen oder Tablettensucht sollen an dieser Stelle nur kurz als in Schule durchaus vorkommende Realitäten erwähnt werden.
Die bildungspolitische Visitenkarte der neuen Regierung
Wenn in dieser Lage eine der ersten Antworten der neuen Regierung die Einführung eines „neuen“ Unterrichtsfachs „Wirtschaft“ ist, so bleibt zu hoffen, dass Ansätze auf dieser Ebene NICHT die Visitenkarte der neuen Landesregierung sind, die die neue Richtung vorgeben. Sollte der erste Eindruck, der entstanden ist, doch richtungsweisend sein, dann erscheint er entlarvend und fatal und macht große Sorge. Viele unserer Schulen, Kollegien und Kolleg*innen brauchen dringend Antworten für die geschilderten Lagen. Das „neue“ Unterrichtsfach „Wirtschaft“ ist sicher keine!

Carsten Piechnik
Mitglied des Vorstandsvorsitzenden- Teams der GEW- Herne

Nach einem Interview mit Carsten Piechnik und weiteren Interviewpartnern bei unserem Lokalsender "Radio Herne" ist eine Sendung zu der bildungspolitischen Problematik entstanden. Die Mitschnitte der Sendung liegen uns nun genehmigt zur Veröffentlichung vor und Sie können sie sich anhören (mp3-Dateien siehe unten)