Erneut hohe Zahl von “Wegschulungen” an Herner Schulen

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man in Deutschland Menschen systematisch an Schulen ebenso wie in der Gesellschaft voneinander getrennt: Am bekannstesten ist sicherlich die Trennung von Mädchen und Jungen, für die extra eigene Schulen in eigenen Gebäuden konstruiert wurden. Nicht mehr so bekannt aber ebenfalls noch gar nicht so lange her ist die Trennung von „Katholiken und Evangelen“ – teilweise in getrennten Schulen, teilweise aber auch in einem Schulgebäude mit zugemauerten Türen, getrennten Sektoren auf Schulhöfen und sogar getrennten Toiletten zwischen den Konfessionen.
Heute trennt die Gesellschaft Menschen subtiler, nicht mehr ganz so chirurgisch präzise und in allen Einzelfällen, aber dauerhaft äußerst zuverlässig nach ganz anderen Kriterien: Zum Beispiel zwischen arm und reich. Oder zwischen biodeutsch und migrantisch. Oder zwischen „behindert und nichtbehindert“. Jahr für Jahr weisen einstimmig nahezu alle wissenschaftlichen Untersuchungen gesellschaftswissenschaftlicher Fachgebiete zunehmende Ungerechtigkeiten nach – die „Scheren gehen weiter und weiter auf“. Benachteiligte Gruppen haben um ein Vielfaches schlechtere Chancen auf gut dotierte und angesehene Jobs; ebenso haben sie kaum Zugang zu attraktivem Wohnraum, auch nicht auf Teilhabe an Kultur oder Freizeitangeboten.
Zu all dem leistet Schule auch in Herne fatale Beiträge. Aktuell ist dies erneut – wie bereits seit Jahren immer wieder - ablesbar an vordergründig unschuldigen Daten: Nach uns vorliegenden (noch inoffiziellen Zahlen) werden zum Ende des Schuljahres erneut über 260 Kinder und Jugendliche von Herner Schulen „weggeschult“ zu anderen Schulformen. Konkret bedeutet dies, dass ihre Schulen ihnen unter dem Primat der „nicht in die Schulform passenden Leistungsfähigkeit“ mitteilen, dass sie nach den Ferien nicht mehr auf diese Schule werden gehen dürfen. Für die Kinder und Jugendlichen bedeutet dies, dass sie in den meisten Fällen komplett aus ihren sozialen Bezügen herausgerissen werden. Während ihre Freunde weiter an der alten Schule und in ihren festen Kreisen verbleiben, während sie also weiter in für sie sicherer Umgebung, in Vertrautheit, in bestehender Orientierung und in Verlässlichkeiten verbleiben, sagt die Schule einzelnen Kindern: „Du nicht mehr – geh woanders hin, das ist besser für Dich!“.
Meine Bezeichnung dafür ist: Entwurzelung.

Besonders dramatisch ist ein solcher „Einschlag“ für diejenigen Kinder, die gerade erst mühsam derlei feste und sichere soziale Bezüge aufgebaut haben, weil sie vor einiger Zeit als Flüchtlinge in unsere Stadt kamen und bereits mindestens einmal massiv entwurzelt und nicht selten traumatisiert worden sind. Ebenso fatal ist eine solche Entwurzelung für diejenigen Kinder, die ohnehin in schwierigen, unsicheren Situationen leben oder bei denen es niemanden gibt, der sie ausreichend auffängt.

Der wissenschaftliche Hintergrund zu Identitätsbildung
Bei der Frage, was „wir“ da eigentlich mit Menschen machen, scheint ein Blick in die Wissenschaft lohnend: Alle mir bekannten Theorien zur Menschwerdung und Identitätsbildung stimmen in einigen grundlegenden und einfachen Aussagen überein:

  1. Kindheit und v.a. Jugend sind DIE zentralen Lebensabschnitte für Identitätsbildung; was hier nicht gut läuft oder misslingt, hinterlässt Folgeschäden für das gesamte Leben, die kaum oder nie zu heilen sind.
  2. Gelingende Identitätsbildung braucht zwingend einige Voraussetzungen: Kinder und Jugendliche müssen sicher wissen und fühlen dürfen, dass sie angenommen sind - so, wie sie sind, dass sie gewollt sind, dass sie „richtig“ sind und „gut“, dass sie verlässlich getragen werden, egal, wie schwierig ihr Leben gerade ist und dass sie einen Ort haben, an den sie gehören.

Systematisch verstoßen Schulen oder besser das Schulsystem gegen diese Grund-Notwendigkeiten. Die Folgen sind in vielerlei Hinsicht dramatisch – gesellschaftlich wie individuell.

Die Folgen von Wegschulungen
Gesellschaftlich trägt die Schule mit ihrer Selektionsfunktion dazu bei, dass die oben beschriebenen „Scheren“ weiter und weiter aufgehen, dass priveligierte Gruppen mit großer Sicherheit in kommenden Generationen die Privilegien noch ausgeweitet behalten und dass die, die ohnehin weniger Chancen haben, diese zukünftig noch weniger haben werden. Dies alles ist kein Gespinst oder eine Meinung einzelner – u.a. PISA, aber zahlreiche weitere Untersuchungen belegen dies nun seit über 20 Jahren mit immer noch zunehmender Stärke. Die oftmals mit großen Worten in schönen politischen Reden beschworene Chancenvermittlung durch Bildung ist in Wirklichkeit nicht nur vereinzelt, sondern eben mehrheitlich gruppenbezogen messbar eine Farce – es sei denn, man versteht unter „gerecht“, dass Privilegien in bestimmten Gruppen bleiben und bestimmte Gruppen diese besser nicht bekommen sollten - denn die Priveligierten hätten sich dies ja schließlich irgendwie verdient.

Für die betroffenen weggeschulten Kinder und Jugendlichen erscheinen mir die Folgen individuell anderweitig fatal: Das Risiko, das Zutrauen in sich selbst zu verlieren oder gar nicht erst aufzubauen, ist enorm. Die Wahrscheinlichkeit, Selbstwirksamkeit fühlen zu können, nimmt mit der Heftigkeit und der Häufigkeit derartig gravierender „Einschläge“ massiv ab. Was, wenn sich Gefühle von „ich bin ein Verlierer“ festigen. Was, wenn die Anschlüsse in neue soziale Bezüge nicht gelingen, wenn Einsamkeit sich ausbreitet? Wissenschaftlich wird hier von „Desintegration“ gesprochen – und in vielen Theorien ist genau dies ein zentraler Grundauslöser von „deviantem“ (gestörtem) Verhalten, z.B. von massiven (auch Auto-) Aggressionen oder Suchttendenzen, die sich ebenfalls nach wissenschaftlichen Untersuchungen häufen oder in ihrer Dramatik steigern. Nach dieser Sichtweise auf diese Dinge ist Schule eben nicht Teil der Realisierung von Chancengerechtigkeit, sondern wirkt vertieft mit an gesellschaftlichen Entwicklungen, die alle beklagen – egal welcher politische Coleur. Hendrik Wüst spricht in Zusammenhang mit Schulpolitik z.B. von „Politik der Verlässlichkeit“ und meint damit, dass sich an den oben beschriebenen Grundzügen des Schulsystems nichts ändern soll.
Mir persönlich erscheint es dagegen folgerichtig, dass es Zusammenhänge gibt zwischen dem oben Beschriebenen und der Empfänglichkeit von Menschen für radikale, extreme oder populistische „Rattenfänger“ ebenso wie für Tendenzen des persönlichen Aufgebens … Nichts von alledem ist nach meiner Überzeugung für die weggeschulten Kinder „besser für Dich“.

Die Folgen für die aufnehmenden Schulen und die Kommune:
Am Schluss sei noch erwähnt, dass die Folgen auch für die aufnehmenden Schulen extrem fatal sind: Die aufzunehmenden Kinder kommen in Schulen, in denen i.d.R. Lehrer*innenmangel herrscht, in denen Sonderpädagog*innen sich um hunderte von Kindern zu kümmern versuchen, in denen es keine Räume mehr gibt, in denen Klassen mit weit über 30 Kindern entstehen, in denen die Schulhöfe mit Containern voll gestellt werden, in denen bestehende soziale Systeme bei Mehrklassenbildungen vollständig auseinandergerissen und neu zusammengestellt werden – hier gilt das, was oben zu „Entwurzelung“ gesagt worden ist, für die aufnehmenden Schulen und ihre Kinder und Jugendlichen ebenso. Dass Lehrer*innen hier besonders stark an ihre oder über ihre Grenzen hinaus gebracht werden, ist anderweitig zuhauf beschrieben worden.
Für die Kommune bedeutet all dies, dass verlässliche Planungen ad absurdum geführt werden und jedes Jahr aufs Neue mit umfangreichen schnellen Notlösungen Pflaster auf fatale Akutlagen geklebt werden müssen. Sinnhaft geht anders !

Fazit
Seit 80 v.Chr. erscheint die Frage „cuibono“ – „wem zum Vorteil?“ (und ich ergänze noch die Frage: Wem zum Nachteil?“) für die Betrachtung komplexer Sachverhalte immer wieder erleuchtend. Wem zum Vorteil die Grundstrukturen in Schule sind und wem zum Vorteil die Wegschulungen, mag jede/r für sich bewerten – bei mir persönlich führt sie mindestens zu Traurigkeit und Sorge.

Den weggeschulten Kindern und den aufnehmenden Systemen wünsche ich zutiefst viel Glück und Kraft und Hoffnung und Menschen, die sie tragen … all das werden sie massiv brauchen! Dies schreibe ich in der Gewissheit, dass vielen Kindern und Jugendlichen dies allein nicht reichen wird. Ihnen individuell nicht – und unserer Gesellschaft nicht, will sie demokratisch, gerecht und menschlich sein.

Carsten Piechnik
Mitglied des Vorstandsvorsitzenden-Teams der GEW-Herne

Zum Thema: WAZ-Herne&Wanne-Eickel 19.07.22 (s.u.)