Neuigkeiten 28.03.2023

Ende des zwölfjährigen Schulfriedens

Wir dürfen nicht unsere Chance verpassen, die Bildungskrisen unter die Lupe zu nehmen, systemrelevante Gründe zu benennen und nachdenken über die Frage, was überhaupt Bildung ist.

Min.

2023 endet in NRW der sogenannte „Schulfrieden“ – eine Riesenchance gegen die Bildungskrisen – aber niemand schaut hin

Zunächst ein Teil eines Pressebericht des "Spiegel Panoramas" vom 19.07.2011:

„Hauptschule aus der Verfassung streichen, eine neue Schulform einführen: In NRW verständigen sich Regierung und Opposition auf einen Schulkonsens, der zwölf Jahre Bestand haben soll…
Die rot-grüne Minderheitsregierung hat mit der Opposition nach jahrzehntelangem Streit einen Schulfrieden geschlossen, der für zwölf Jahre gelten und in dem nichts mehr unmöglich sein soll. Im Grunde können die Kommunen künftig frei von parteipolitischen Überzeugungen entscheiden, welche Schulen sie wollen und brauchen. Alles kann, nix muss.
Der Plan, den der Landtag in Grundzügen bereits am Mittwoch beschließen soll, sieht die Einführung einer neuen Schulform vor: der Sekundarschule. Sie soll die bislang existierenden Schulen ergänzen. Zugleich verliert die Hauptschule ihren verfassungsrechtlich verankerten Bestandsschutz und darf sterben, wo es nötig ist …
Im Grunde bleibt es beim gegliederten Schulsystem“ (Der vollständige Artikel ist zu lesen bei https://www.spiegel.de/)

2023 bietet sich NRW eine neue Riesenchance, endlich vertiefter nachhaltige Antworten zu suchen. Aber irgendwie schaut kaum jemand hin. Es scheint für viele in der Politik einfacher zu sein, immer und immer wieder mehr dieser angeblich „erprobten“ Antworten zu geben als endlich nach Lösungen zu suchen, die auch tatsächlich etwas lösen!

Das Gebäude, um das es geht, nennen wir es Schulsystem-Gebäude, wurde ca. in den 1870er Jahren diskutiert. Der Bauherr an der Spitze prägte maßgeblich die Entscheidungsfindung, lagen doch letztendlich alle Entscheidungen mehr oder weniger allein in seiner Hand. Also konzipierte und baute man los – und schließlich stand um 1880 herum unser Gebäude. Erbaut aus den Vorstellungen und unter den Bedingungen, Sichtweisen, technischen Möglichkeiten und Gesellschafts- und Menschenbildern jener Zeit.
Heute, 2023, gibt es das Gebäude immer noch. Mittlerweile haben die „Bauherren“ gewechselt, nicht mehr einer bestimmt, sondern viele reden mit. Mehrere Male gab es große „Erdbeben“, die das Leben im ganzen Land massiv erschütterten, auch unser Gebäude. Nach dem 2. Erdbeben überlegte man nach 1945 kurz, ob man etwas grundsätzlich ändern müsse, aber dann war es viel einfacher, weiter zu machen wie zuvor - hatte doch schließlich vor den Beben funktioniert. Immer wieder gab es dann auch kleinere oder größere Ansätze, die ein oder andere Nutzung mit in das Gebäude einzubringen – also nagelte man hier oder dort noch etwas dran oder baute es oben drauf, egal, ob es statisch oder von der Logik des Gebäudes her passte oder nicht - im Zweifelsfall wurde mit massivem Druck eben alles zusammengepresst, schließlich lebten alle Bauherren immer auch ein wenig vom Erfolg des Gebäudes.
Irgendwann aber war unübersehbar, dass es massive Mängel gab. An mehreren Stellen wurden feuchte Stellen auch an tragenden Wänden sichtbar. Also setzten sich die Bauherren zusammen und stellten fest: „Es ist das Dach - es ist undicht“. Also beauftragte man Dachdecker damit, es neu zu decken. Gesagt, getan - und schon erschallten allerorts großartige Erfolgsmeldungen aus den Mündern der vielen Bauherren. Jede/r sprach sich selbst maßgeblichen Anteil am exorbitanten Erfolg zu, war man es doch gewesen, die/der den Ziegel ausgesucht hatte, oder die Holzart der Balken oder die Stärke der Nägel.
Dumm nur, dass die feuchten Stellen an den Wänden nicht nur blieben, sondern noch schlimmer wurden. Schuld daran - so war zu hören - war natürlich nicht die eigene Bauherren-Sicht (also die Ziegel waren es nicht, oder die Balken oder die Nägel), sondern die Sicht der anderen. Und so war schnell die Lösung klar: WIR DECKEN DAS DACH NOCHMAL NEU …
Vehemente Diskussionen unter den Bauherren, schnell noch eine andere Dachdeckerfirma und auf geht´s … Erneute Erfolgsmeldungen inbegriffen - für sich und den eigenen Anteil - selbstverständlich.
Aber wieder: Die Flecken blieben, und mittlerweile war die Wand - eigentlich für jeden sichtbar – eher nass als feucht und die Statik des gesamten Gebäudes mehr als angegriffen.
Also: Ein Gipfeltreffen nach dem anderen - und schon bald war allen klar: WIR BRAUCHEN EIN NEUES DACH !!!

Diesmal aber machen wir es noch viel besser: Wir nehmen nicht nur Dachdecker, sondern auch noch Zimmerleute und Schreiner mit ran an den Bau … und wir verwenden modernste Technik, das Dach bekommt vielleicht sogar W-LAN … wird schon werden, schließlich herrscht ja Konsens …

Ihnen, liebe Leser*in, erscheinen die Geschichte und das Verhalten der „Bauherren“ töricht? Wie kann man eigentlich annehmen, dass man mit immer den gleichen Antworten und Lösungsansätzen immer wieder nochmal einen Versuch startet, obwohl die Antworten offensichtlich gar keine Lösungen für die Probleme darstellen?
Diesen gefundenen „Frieden“ kann man auch so übersetzen:
Wir streiten 12 Jahre lang nicht mehr über grundsätzliche Fragen und geben einfach immer wieder die gleichen Antworten bei auftauchenden Problemen: „Das Gebäude ist toll, eines der besten in der ganzen Welt, wir bauen einfach ein neues Dach drauf, wenn es gravierende Probleme gibt. Das „neue Dach“ sind dann wiederkehrend z.B. folgende Maßnahmen:
•    „Wir brauchen weiter alle bestehenden Schulformen (also gleichzeitig ein gegliedertes UND ein integrierendes System)“
•    „Wir brauchen mehr zentrale Prüfungen“
•    „Wir brauchen mehr Standardisierungen“
•    „Wir brauchen mehr Digitalisierung“
•    „Wir brauchen neue Fächer (z.B. „Wirtschaft“)“
•    „Wir brauchen mehr Berufsgruppen in den Schulen“
•    …

Bei all dem werden seit Jahrzehnten die Ausprägungen verschiedener „Bildungskrisen“ stärker und stärker offenkundig, hierzu seien nur einige Stichworte erwähnt:

  • seit ca. 25 Jahren misst PISA, dass die Bildungschancen für Menschen aus prekären Herkunftssituationen und/oder mit Migrationshintergründen um ein Vielfaches gemindert sind
  • seit Jahrzehnten weisen Bildungsforscher auf einen drängender werdenden Fachkräftemangel in der Wirtschaft hin; weiterhin bleibt die Situation, dass er es bei derzeitig akutem und noch wachsenden Fachkräftemangel in nahezu allen Berufssparten ca. 2 Millionen Arbeitssuchende gibt – und gleichzeitigaktuell 6,2% der Jugendlichen die Schule ohne einen Abschlussverlassen (in einigen Bundesländern ca. 10%)
    [1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/jugendliche-ohne-hauptschulabschluss-1 - 06.03.2023
  • die Bildungslandschaft in Deutschland trägt mit dazu bei, dass seit Jahren die Schere zwischen „arm“ und „reich“ sich weiter öffnet; mit steigender Tendenz ist jedes 5. Kind in Deutschland derzeit von Armut betroffen, in Teilen des Ruhrgebietes sind es 42%   [2] Paritätischer Armutsbericht 2022 - 2. aktualisierte Auflage, März 2023 ISBN 978-3-947792-09-2.
  • in und an dem „Gebäude Schulsystem“ wollen weniger und weniger Menschen arbeiten - offensichtlich ist für viele junge Menschen spürbar, wie töricht es ist und an wie vielen Stellen nicht schaffbar und ausbrennend, was im Schulsystem geschieht - der Lehrkräftemangel (seit Jahrzehnten schon vorhergesagt)
  • und - besonders wichtig: In dem „Gebäude“ leben Menschen, und es wird nur völlig unzulänglich oder gar nicht gefragt, wie es ihnen in den Setzungen, in denen sie leben, geht und was sie zum Leben eigentlich brauchen (Kinder und Jugendliche sind immer und immer mehr und stärker gefährdet durch Einsamkeitsrisiken, Suchttendenzen, Aggressionsproblematiken, Essstörungen, Depressionen, Verwahrlosung, Wert- und Normunsicherheiten, wegbrechenden Familiensystemen, überhaupt wegbrechenden Orientierungssystemen usw.).
  • und immer noch wird uns erzählt „Lasst uns alles beim Alten belassen, wir brauchen nur ein wenig mehr Digitalisierung (manchmal auch „strengere Waffengesetze“, „stärkere Haftstrafen“, „ein Einheitsabitur in ganz Deutschland“ usw.), dann lösen sich alle Probleme ganz von selbst.

Es erscheint töricht, davon auszugehen, dass sich jetzt aber endlich mit einem „weiter so“ an den seit Jahrzehnten bestehenden Problemen überhaupt etwas oder genug ändern wird, wenn wir als Gesellschaft weiter die immer gleichen Antworten geben und die Grundstrukturen nicht endlich hinterfragen. Was überhaupt ist „Bildung“. Was wollen wir erreicht haben, wenn unsere Kinder die Schulen verlassen? Was müssen wir unseren Kindern geben, damit sie erhalten, was sie grundlegend benötigen? Wie viel Selektion wollen wir – und wieviel Integration? Was sind Voraussetzungen und Grundhaltungen für ein demokratisch verwurzeltes Leben? Und was sind dann die angemessenen Strukturen und Gestaltungen, mit denen diese Ziele logisch erreichbar werden?

Es erscheint demgegenüber absolut geboten, dies und noch viel viel mehr zu fragen, wollen wir nicht unter den üblichen Erfolgsmeldungen aus der Politik zusehen, wie das „Gebäude“ zusammenbricht. Zu viele der Menschen, die in diesem Gebäude versuchen zu leben (auch derer, die versuchen, es am Zusammenfall zu hindern), sind schon jetzt zusammengebrochen, desillusioniert oder haben aufgegeben. Zu viele der „Selbstverständlichkeiten“ von Sicherheit und Freiheit in Demokratie sind es unter den Geschehnissen des Populismus und einem „Wegschmelzen“ der gesellschaftlichen Mitte auf Kosten von Extremen schon längst nicht mehr!

Das Ende des sogenannten „Schulfriedens“ könnte also ein wirklicher NEUANFANG sein und eine Chance, endlich die richtigen Fragen zu stellen. Wir - als GEW Herne - versuchen, es laut hinauszurufen und darauf zu drängen, dass die Gesellschaft und die Verantwortlichen endlich anfangen, ein angemessenes „Gebäude“ zu entwickeln, in dem Menschen-Bildung mehr ist als eine hohle, zweifelhaft immer gleiche und offensichtlich unzureichende „Antwort“.

Carsten Piechnik
Mitglied des Vorstandsteams der GEW Herne